Dieser Artikel wurde publiziert in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 23. September 1997

 

Die Zukunft der Informatik bei den Grossbanken

Ergebnisse einer qualitativen Marktstudie

Von Rolf Schoch und Willy H. Schoch

 

Im Frühjahr 1997 führten die Autoren Interviews mit Informatikverantwortlichen und anderen höheren Führungskräften aus verschiedenen Geschäftssparten der drei schweizerischen Grossbanken über den Einsatz der Informationstechnologie (IT) durch. Deren Aussagen illustrieren die gegenwärtige und zukünftige Bedeutung der IT als Instrument zur Sicherung der Marktposition und zum Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit der Institute. (Red.)

Das Ziel einer im Frühjahr 1997 durchgeführten Marktstudie war es, gegenwärtige und zukünftige Strategien, Organisationsformen und Einsatzbereiche der Informatik, das lnvestitionsverhalten, die Beschäftigungspolitik, neuartige Markt- und Kundenbedürfnisse (wie z.B. Internet-Banking) und daraus abgeleitete neue Anforderungen und Trends bezüglich der Informationstechnologie (IT) bei Credit Suisse, Bankverein und UBS zu untersuchen. Der folgende Forschungsbericht präsentiert ausgewählte Ergebnisse und Folgerungen.

These 1:

Effiziente und kostengünstige IT hat für die Banken strategische Bedeutung.

Die IT wird von den obersten lnformatikverantwortlichen (Chief Information Officers - CIO) der Schweizer Grossbanken als eine strategische Ressource betrachtet, die den Unternehmungserfolg entscheidend beeinflusst. Dementsprechend wird sie zentral bewirtschaftet und als Funktion direkt der obersten Geschäftsleitung unterstellt. Ebenso erfolgt die Beschaffung durch eine zentrale Stelle. IT gilt auch als Instrument im Konkurrenzkampf, das die Wettbewerbsposition der Bank bestimmt. IT ist vor allem auch für das Kostenmanagement von grösster Bedeutung. Aber auch für die zukünftige Gestaltung der Distributionswege werden immer mehr IT-Mittel benötigt. Die Budgets wurden in den letzten Jahren regelmässig erhöht und machen heute einen erheblichen Anteil an den gesamten Sachaufwendungen der Banken aus. So wurde z. B. im Jahre 1996 im Konzern der damaligen SKA rund 1 Milliarde Franken für die Informatik aufgewendet.

Strategische Hauptaufgaben der CIO sind u. a. Erneuerung der bestehenden IT-Infrastruktur, Nutzung neuer Technologien, Re-engineering der IT-Funktion und die Unterstützung der neuen Vertriebskanäle. Mit diesen Problemen werden sich die Verantwortlichen infolge deren langfristiger Natur auch in der Zukunft, bis zur Jahrtausendwende und darüber hinaus, auseinandersetzen müssen. Die Erneuerung der lnfrastruktur dürfte mehrere Jahre brauchen.

Auch die Linienchefs in Geschäftseinheiten wie Retail, Private Banking oder Firmenkundengeschäft bezeichnen übereinstimmend die IT als wichtigen und kritischen Erfolgsfaktor. IT ist aus der Optik ihrer Sparte eine knappe Ressource, die sie budgetieren und für die sie bezahlen müssen. Dabei werden längst nicht alle ihre Wünsche befriedigt Die IT ist nach ihren Aussagen unabdingbar, lebensnotwendig, ein absolut entscheidender Faktor, ohne den es heute überhaupt nicht mehr geht.

These 2:

Die heute bestehende IT-Infrastruktur genügt den Anforderungen nur noch teilweise oder nicht mehr.

Die heutige IT entspricht bezüglich Flexibilität, Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit gemäss Aussagen der Mehrheit der Befragten nicht mehr vollständig den Bedürfnissen der internen und externen Kunden oder noch nicht der neuen, veränderten Organisationsstruktur der Bank. Für Erweiterung und Modernisierung der IT-Infrastruktur werden deshalb umfangreiche Investitionen in Infrastruktur, Hardware und Software gemacht.

These 3:

Direct Banking als Vertriebskanal ist ein wichtiger Teil des Gesamtgeschäfts und erfordert einen zunehmenden IT-Einsatz.

Direct Banking wird von den Befragten als Vertriebskanal der Zukunft bezeichnet. Der grosse Durchbruch stehe in der Schweiz aber erst noch bevor. Die Situation wird bei den verschiedenen Formen und Kundensegmenten differenziert beurteilt Im Internet-Banking wird unter gewissen technischen Voraussetzungen (Zugang über Fernsehgeräte) mit einer geradezu explosionsartigen Entwicklung, einem exponentiellen Wachstum gerechnet. Spezielle Angebote dafür sind entweder schon eingeführt (CS) oder in Planung (SBV, UBS) und stehen vor der Markteinführung. Bis Ende Jahr werden alle drei Grossbanken Internet- Banking anbieten. Eine im Sommer 1996 durchgeführte Studie an der Universität St. Gallen über Informationsmanagement ergab, dass damals zwar schon alle Banken Zugang zum Internet hatten, dass sie letzteres jedoch noch vor einem Jahr zur Hauptsache als blosse lnformationsvermittlung an Kunden, und nicht als eigentlichen Distributionskanal, betrachteten.

Im Rahmen einer «Multi-channel»-Strategie werden auch die anderen elektronischen Distributionskanäle sowie die konventionelle persönliche Bedienung und Beratung weiter (ko)existieren. Besondere Anforderungen des Direct Banking an die IT beziehen sich auf Sicherheit, Schnittstellen, Verfügbarkeit und Antwortzeiten. Selbstbedienung als Teilbereich des Direct Banking dürfte an Bedeutung zunehmen. Allerdings wird das Netz der konventionellen Geldausgabeautomaten (Bancomaten) kaum mehr wesentlich ausgebaut. Dagegen forcieren die Banken den Zahlungsverkehr und die Informationsbeschaffting über «Automatic teller machines» (ATM), die in Richtung intelligente Serviceterminals mit PC-Technologie ausgebaut werden.

These 4:

Datensicherheit, Verfügbarkeit und Skalierbarkeit sind Systemeigenschaften von grösster Bedeutung.

Systemausfälle hätten teilweise gravierende finanzielle und Imageschäden bei den Kunden zur Folge. Fehlertoleranz, Ausfallsicherheit und Verfügbarkeit von IT-Systemen werden deshalb als absolut vital betrachtet Um sie zu gewährleisten, wurden bisher und werden in Zukunft weitere grosse Anstrengungen gemacht und Mittel investiert. Der bezüglich Datensicherheit erreichte Stand wird aber im allgemeinen bereits als recht gut beurteilt.

These 5:

Beim Einkauf von IT verfolgen die Grossbanken eine ausgeprägt zentralisierte, langfristige und eher vorsichtig-konservative Beschaffingsstrategie.

Grundsätze der unternehmerischen Beschaffungspolitik sind u. a. der Kauf von Produktinnovationen, sofern diese schon einigermassen bewährt sind, ausreichende, aber nicht unbedingt Höchstqualität; Aufbau langfristiger Geschäftsbeziehungen zu mehreren zuverlässigen Lieferanten in jeder Produktkategorie. Die Verantwortlichen betrachten es nicht als ihre Rolle und Aufgabe, bei Neuentwicklungen Pionier zu sein. Vertrauenswürdigkeit, Kundenorientierung, technische Zuverlässigkeit und die Qualität von Hard und Software sind nach Angaben der Verantwortlichen die wichtigsten allgemeinen Beurteilungs- und Bewertungskriterien der Banken bei der Evaluation eines IT-Anbieters.

 

 

ROLF SCHOCH; WI.SO

WILLY H. SCHOCH; SOURCING UNLIMITED, ZUG

 

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