Artikel aus "das Beste von Reader's Digest" November 1998

Von ANNELIES OSWALD-GÖLDI

Möchten Sie zu Hause arbeiten?

Mit Computer, Modem und Fax lässt sich vieles vom trautenHeim aus erledigen.

DIE PR- UND WERBE-BERATERIN Marie-Françoise Ruesch aus Wädenswil hatte 12 Jahre lang bei verschiedenen Unternehmen und Agenturen gearbeitet. Doch als sie vor vier Jahren Mutter wurde, musste sie ihr Pensum reduzieren. Eine Zeit lang arbeitete sie als freie Mitarbeiterin für verschiedene Agenturen. Da sie aber an manchen Tagen fast rund um die Uhr zur Verfügung stehen musste, liess sich diese Tätigkeit nur schlecht mit den Ansprüchen ihrer kleinen Tochter vereinbaren. Zufällig stiess die junge Mutter dann auf ein Stelleninserat einer Marketing- und Werbe-Agentur, die sich auf Internetauftritte spezialisiert: Dort erledigt gut ein Drittel der Angestellten mit Computer, Telefon und Modem sämtliche Aufträge von zu Hause aus. Telearbeit heisst diese neue Arbeitsform.

Marie-Françoise Ruesch meldete sich, bekam die Stelle und konzipiert heute für Kunden unterschiedlichster Branchen den Auftritt im Internet. Sie empfängt ihre Projekte via E-Mail von der Agentur und leitet sie auf gleichem Weg an Texter, Gestalter und Informatiker weiter.

Mit 55 Jahren fand Jacques Schnyder, Vizedirektor einer Bank im Kanton Glarus, dass sein Beruf ihn zu sehr einenge, und suchte eine neue Herausforderung. Er beschloss, seine unternehmerischen Fähigkeiten als Treuhänder und Finanzberater auf die Probe zu stellen. In seinem 7-Zimmer-Einfamilienhaus richtete er ein Büro mit Besprechungszimmer ein, wo er Kunden empfängt, Korrespondenz erledigt und Verträge aufsetzt. Inzwischen hat sich der erfahrene Finanzfachmann in der Region einen Namen gemacht und einen beachtlichen Kundenkreis gewonnen.

 

Umdenken gefragt

Marie-Françoise Ruesch und Jacques Schnyder haben beide eine neue Lebensform gewählt: Ihr Arbeits- und Familienleben ist zusammengerückt. Verstand man bisher unter Heimarbeit eine auf Handfertigung beschränkte, eher monotone Tätigkeit, so gestatten neue Kommunikationswerkzeuge Berufstätigen in vielen Bereichen die Arbeit nach Hause zu nehmen. Laut einer Umfrage des Zürcher Wirtschaftsund Sozialforschungsinstituts WI.SO kann sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Grossraum Zürich vorstellen, in irgendeiner Form Telearbeit zu leisten. Noch 1987 sprachen sich erst 37 Prozent der Befragten für diese Arbeitsform aus.

Nebst einigen Banken und Versicherungen gehört der Computerhersteller IBM zu den Pionieren der Telearbeit. Rund die Hälfte der 950 Angestellten am Hauptsitz in Zürich arbeiten per Notebook und Mobiltelefon unterwegs oder daheim und teilen sich ihre Pulte am Firmenarbeitsplatz. Deshalb wird diese Form der Telearbeit auch Desk Sharing genannt. ,,Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht", sagt Pressesprecherin Susan Orozco. ,,Die Mitarbeiter sind zufriedener, weil sie flexibler arbeiten können."

In den Vereinigten Staaten gibt es bereits 52 Millionen Arbeitnehmer - rund 40 Prozent der berufstätigen Bevölkerung -, die als Selbstständige oder im Angestelltenverhältnis zumindest einen Teil ihrer Arbeit zu Hause erledigen. Doch bei uns reagieren die Firmen zurückhaltend. ,,Viele Vorgesetzte haben Angst, die Kontrolle über ihre zu Hause tätigen Mitarbeiter zu verlieren", sagt Roland Ronchi, Geschäftsleiter der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit in Bern.

Die Erfahrungen der Werbeagentur Zutt & Partner, die seit 15 Jahren Telearbeiter beschäftigt, widerlegen dieses Argument. ,,In Europa geht alles viel länger. Doch auch bei uns wird sich dieses Modell mit der Zeit durchsetzen", ist Juniorpartner Philipp Zutt überzeugt.

Madeleine de Couë, beispielsweise, kann sich ihren Lebensunterhalt an ihrem Wohnort am Zugersee oder ihrem abgeschiedenen Ferienwohnsitz in Frankreich verdienen.

Madelaine de Couët

,,Ursprünglich verlegte ich wegen meines Hundes meinen Arbeitsplatz von der Stadt aufs Land. Heute möchte ich die Ruhe des Landlebens nicht mehr missen", erklärt die geborene Französin, die Bücher, Prospekte und Werbematerial redigiert und übersetzt. ,,Über Internet erreiche ich meine vielen Kunden im In- und Ausland problemlos, wo immer ich auch bin. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen.

Arbeiten zu Hause, ob als Angestellter oder Selbstständiger, hat viele Vorteile, kann aber auch Probleme mit sich bringen. Wer sich dafür interessiert, sollte einige Punkte beachten:

 

Sich gut informieren

Bevor Sie sich für Telearbeit entscheiden, sollten Sie wissen, welche Auswirkungen die Umstellung auf Ihr Arbeitsverhältnis hat. ,,Wenn Ihr Chef oder ein anderer Arbeitgeber bereit ist Telearbeit zu vergeben, sollten Sie unbedingt zuerst alle rechtlichen Fragen abklären", rät Roland Ronchi. Entscheidend ist, ob Sie als Freelancer oder weiterhin als Angestellter der Firma tätig sind.

Bei IBM hat sich durch die Telearbeit für die Angestellten arbeitsrechtlich nichts verändert und die Mitarbeiter haben weiterhin Anspruch auf Ferien und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Doch wer als freier Mitarbeiter Aufträge erledigt, muss sich nicht nur selbst um Versicherungen und Altersvorsorge kümmern, sondern in den meisten Fällen auch für die ganze Infrastruktur wie Computer, Modem oder Notebook aufkommen.

Eine ideale Lösung hat der ehemalige Tages-Anzeiger-Redaktor Peter Früh gefunden. Mit einer 40-Prozent-Stelle als Redaktor der Lehrerzeitschrift der beiden Kantone Aargau und Solothurn hat er ein festes Standbein und ein gesichertes Einkommen. Ausserdem wird ihm für diese Tätigkeit in Aarau ein Büro samt Einrichtung zur Verfügung gestellt. Den Rest der Zeit arbeitet er für verschiedene Auftraggeber als freier Journalist per Fax und Modem von zu Hause aus. ,,Nach fast 20 Jahren in der Hektik des Tagesjournalismus geniesse ich meine neue Freiheit", erklärt er. ,,Aber ich bin auch ganz glücklich, regelmässig zwei Arbeitstage ausser Haus zu verbringen.

Wer sich selbstständig machen will, sollte sich intensiv mit der neuen Arbeitsform auseinandersetzen. ,,Klären Sie vorher ab, ob Ihre Geschäftsidee realisierbar ist", meint Laufbahnberaterin Helena Schmidhauser aus Winterthur. ,,Sprechen Sie mit erfolgreichen Selbstständigerwerbenden, nehmen Sie Kontakt mit Verbänden auf, prüfen Sie Ihre Marktchancen und erstellen Sie einen Geschäftsplan."

 

Vor- und Nachteile

Die meisten Neuunternehmer machen sich in ihren angestammten Branchen selbstständig. ,,Wer seine Berufserfahrungen nutzen kann, hat bessere Erfolgsaussichten als jemand, der sich in ein fremdes Gebiet vorwagt", meint Norbert Winistörfer, Autor von "Ich mache mich selbständig".

Der Elektroingenieur Ernst Pfenninger hatte sieben Jahre lang bei der Telefonherstellerfirma Zellweger Uster AG (heute Ascom) gearbeitet. Als er den Entschluss fasste, ein Kleinunternehmen zur Entwicklung von Telefonapparaten und anderen elektronischen Geräten zu gründen, brachte er nebst dem beruflichen Knowhow auch ein finanzielles Polster mit. ,,Ich sah, dass einige meiner Kollegen sich leisten konnten ein Jahr auszusetzen, um die Welt zu bereisen", erzählt er. ,,Deshalb beschloss ich mir diese Frist zusetzen, um meine Firma ins Rollen zu bringen." Sein kleines Entwicklungslabor lief vom Start weg gut an, da er Kontakte von seiner früheren Tätigkeit her nutzen konnte und recht bald eine Stammkundschaft aufgebaut hatte.Ernst Pfenninger

Der Unternehmensberater Werner Stettler, der von seinem Heim im Kanton Aargau aus mit seiner Firma am Zürichsee vernetzt ist, sieht viele Vorteile in der Telearbeit. ,,In meinem Büro arbeite ich ungestört, der einstündige Arbeitsweg fällt weg und ich kann bei schönem Wetter auch einmal eine Pause für Sport einschalten", sagt er. ,,Allerdings besteht die Gefahr, dass man durch die Heimtätigkeit zum Einzelkämpfer wird. Wenn im Hauptbüro Anfragen eingehen, muss ich schauen, dass ich auch etwas davon mitkriege."

Erfahrene Telearbeiter wissen, dass sie sich selber darum bemühen müssen, aus der Isolation der Heimarbeit herauszukommen. Deshalb schliessen sie sich professionellen Organisationen an, treffen Kollegen zum Mittagessen, besuchen Seminare und benützen Telefon und E-Mail, um in Kontakt mit andern Mitarbeitern zu bleiben.

Besonders geschätzt wird der Vorteil, dass im Büro daheim keine Stempeluhr steht. Ein Morgenmensch kann in aller Frühe beginnen, ein Nachtmensch bis zu später Stunde weitermachen. Diese Flexibilität verlangt andererseits viel Eigenverantwortung und Disziplin. Die meisten Heimarbeiter leisten mehr, wenn sie sich an bestimmte Arbeitsblöcke halten.

Madeleine de Couët beginnt den Tag mit einem grossen Zeitblock. ,,Ich fange um acht Uhr an und arbeite bis mittags. Dann mache ich kurz Pause und übersetze danach an manchen Tagen bis 18 oder 19 Uhr", sagt sie. Als Selbstständigerwerbende muss sie die Aufträge ihrer rund 50 Kunden prompt erfüllen.

,,Telearbeiter sollten versuchen Arbeits- und Familienleben abzugrenzen", meint Philipp Zutt. Er findet es zum Beispiel wichtig, dass ein eigener abschliessbarer Arbeitsraum zur Verfügung steht.

 

Arbeit und Familie

Wer zu Hause arbeitet, muss auf das Verständnis der Familienmitglieder zählen können. Unternehmensberater Stettler meint dazu:,,Es kann vorkommen, dass ich samstags oder sonntags, wenn die Kinder anderweitig beschäftigt sind, schnell für eine bis zwei Stunden ins Büro verschwinde."

Damit es klappt, ist eine Absprache mit den Kindern nötig. ,,Man sollte klare Regeln schaffen", meint Zutt. ,,Wenn die Türe zum Arbeitsraum zu ist, haben sie keinen Eintritt, ausser sie haben etwas Bestimmtes auf dem Herzen." Andere Heimarbeiter gewähren ihren Kindern fünf Minuten Zeit für einen Schwatz, damit sie ihre Anliegen loswerden können.

Die Möglichkeit zu Hause zu arbeiten ist mit tiefgreifenden Veränderungen im Verhältnis zwischen Beruf und Familie verbunden. Peter Gross, Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen (HSG), sagt voraus, dass die künftige Gesellschaft sich von den heutigen Vorstellungen von Beruf und Arbeit lösen wird. ,,Die Menschen werden versuchen müssen, Leben und Arbeit auf eine neue Art und Weise miteinander zu verzahnen", erklärt er.

 

Weitere Informationen bieten Ihnen die Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit, Postfach, 3001 Bern, Telefon 031-322 28 30 oder das Buch ,,Ich mache mich selbständig" von Norbert Winistösfer Beobachter-Buchverlag.