© Facts; 2002-10-31; Seite 58; Nummer 44

007 wird ausspioniert

Kino Bond zum 20. Mal auf Jagd - längst haben sich Forscher an seine Fersen geheftet: Sie lösen das Geheimnis seiner Vitalität, seiner sexuellen Anziehungskraft, seiner Herkunft.
Von Serge Hediger

Kompliziert ausgedrückt geht es um freie Radikale. Die zellschädigenden Substanzen im Körper werden durch Antioxidantien - hervorgerufen durch kurze Schüttelbewegungen - bekämpft. Einfacher gesagt geht es um einen trockenen Martini - «geschüttelt, nicht gerührt». So wenig Flüssigkeit, so viel Forschung.

Kardiologen und Hydrophysiker haben sich ebenso mit 1 cl Vermouth beschäftigt wie Onkologen und Molekularbiologen. Selten wurde ein Drink wissenschaftlich so eingehend untersucht wie der Martini im Champagner-Glas, den James Bond in seinen bislang 19 Filmen insgesamt 25 Mal verlangte - und an dem er auch in der neuen, 20. Folge, nippen wird.

Studienobjekt 007 - nichts am Verhalten des Agenten im Dienste Ihrer Majestät, das Wissenschaftler nicht zum Forschungsgebiet erhoben hätten. Dermatologisch und numerologisch wurde der Geheimagent schon analysiert, astrologisch und psychologisch. James Bond - ein Fall für die Wissenschaft, obschon er nur auf der Leinwand existiert.

Führend in der Bond-Forschung sind die Mediziner. Wie kommt es, fragte sich etwa der Biochemiker John Trevithik von der Universität Western Ontario in Kanada, dass einer wie James Bond nach 40 Jahren auf der Leinwand noch immer bei guter Gesundheit ist? Und das bei seinem Lebenswandel: viele Frauen, wilde Schiessereien, zünftig Alkohol!

Wissenschaftler Trevithik fokussierte seine Suche nach Antworten auf Bonds Lieblingsdrink. Im Labor versetzte er glasweise Gin-und-Vermouth-Mischungen mit aggressivem Wasserstoffperoxid. Dabei stellte er fest, dass sich in geschüttelten Martinis doppelt so viele Antioxidantien bilden als in gerührten. Die Antioxidantien helfen bei der Bekämpfung der zellschädigenden freien Radikale. Trevithiks Vermutung wurde bestätigt: Geschüttelte Martinis sind gesünder als gerührte, «schliesslich leidet Herr Bond weder an Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch an Grauem Star». Der Forscher: «Seinen soliden Gesundheitszustand verdankt 007 - zumindest teilweise - seinem nachgiebigen Barkeeper.»

Nachgiebig? Ja, denn Martini ist ein klarer Drink und wird - so verlangt es das Reglement der Deutschen Barkeeper Union DBU - korrekterweise gerührt. Geschüttelt wird nur, was Fruchtsaft, Zucker, Eier oder Rahm enthält.

Andere Forscher, andere Forschungsgebiete. Ernährungswissenschaftlerin Beckie Moore von der Universität Cambridge anerkennt zwar die gesundheitsfördernde Wirkung eines Martinis, bezeichnet sie aber als minimal. «Ich rate James Bond zu Früchten und Gemüsen.»

Allerdings hat 007 diesen Ratschlag seit jeher befolgt. Die Olive am Spiess, die seinen Martini ziert, enthält - ernährungswissenschaftlich gesichert - gesundes Vitamin E. Und daran wird sich im jüngsten Film nichts ändern - ausser der Wodka-Marke. James Bond hat nämlich im Laufe seiner Filmkarriere die Rezeptur geändert und pflegt seinen Martini mit Wodka statt mit Gin zu nehmen. Dieses Jahr ist es erstmals finnischer Finlandia statt russischer Smirnoff.

Geschüttelt, nicht gerührt - was für Barkeeper wie Jürgen Seibold aus Ottersberg eine Unsitte ist («Aber sorry, Mr. Bond!»), hat für die Hydrophysiker des Göttinger Max-Planck-Instituts sensorische Vorteile. Durch Schüttelbewegungen, so haben die deutschen Experten für Strömungsforschung herausgefunden, entstehen Schockwellen, die sich mit bis zu 90 Stundenkilometern im Glas bewegen. Dadurch erwärmt sich eine Flüssigkeit zähneschonend um bis zu zwei Grad Celsius.

Die Arme weit von sich gestreckt, den Kopf sanft zur Seite geneigt, findet James Bond 1964 die Sekretärin Jil Masterson auf ihrem Bett. Gert Fröbe hat als Auric Goldfinger Shirley Eaton zur Strafe für ihre Untreue am ganzen Körper vergolden lassen. Sie erstickt, stirbt einen qualvollen Tod. «Die Haut konnte nicht mehr atmen», erklärte damals Darsteller Sean Connery am Rande der Dreharbeiten. «Man hat von solchen Unfällen schon bei Tänzerinnen gehört.» Zur Sicherheit trug Eaton Slip und Schalen an der Brust, die Requisiteure liessen Nase, Mund und eine schmale Stelle an der Wirbelsäule offen. Ärzte überwachten das Set.

James Bond irrte. Erst im Mai dieses Jahres haben Dermatologen der Universität Bochum mittels Sensoren nachweisen können, dass die obersten Hautschichten des Menschen bis zu einer Tiefe von 0,4 mm direkt mit Sauerstoff versorgt werden. Nur 0,4 Prozent des gesamten Sauerstoffbedarfs werden über die Haut gedeckt; eine Verstopfung der Poren durch aufgetragenes Gold ist atemtechnisch kaum von Belang.

«Ein Ersticken durch Blockade der Hautatmung, wie im Film «Goldfinger» gezeigt, ist nicht möglich», fassen die Wissenschaftler des Nürnberger Instituts für Hautforschung zusammen. Sie hatten ursprünglich ein ganz anderes Ziel verfolgt, sollten nachweisen, das Hautcrèmes nicht, wie häufig verdächtigt, die Hautatmung beeinträchtigen und mehr schaden als nützen.

Hehre Wissenschaftler beschäftigen sich in ihrem grauen Alltag gerne mit bunten Kunstfiguren aus Literatur, Kino und Fernsehen. Mitte Monat erst hat die britische Royal Society Of Chemistry den Detektiven Sherlock Holmes mit der Ehenmitgliedschaft ausgezeichnet. Romanfigur Holmes wurde damit für seine Verdienste auf dem Gebiet der forensischen Chemie geehrt - 100 Jahre nach dem erfolgreichen Abschluss seines Falls «Der Hund von Baskerville».

Der Berliner Jurist Florian Kann untersuchte, ob die «Lindenstrasse» Teil eines Rechtsstaates ist, der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Jakob Hein diagnostizierte bei der Figur Homer aus «Die Simpsons» Drogensucht, und der Berner Strafrechtsprofessor Karl-Ludwig Kunz hat die «Kriminalpolitik in Entenhausen» analysiert.

Seit «Goldeneye» 1995 fährt Agent James Bond einen BMW als Auto oder Motorrad. Productplacement heisst das im Jargon. Das weiss jedes Kind. Wirklich?, wollte der Zürcher Marketingforscher und Hochschuldozent Rolf Schoch 1996 detailliert wissen. «Nur jeder Zweite hats gemerkt!», kam Schoch nach einer repräsentativen Umfrage seiner Wirtschafts- und Sozialforschungs-Firma Wiso zum Schluss. Ganze 53 Prozent der Schweizer haben das Productplacement überhaupt wahrgenommen. Dafür stammen sie aus der werberelevanten Gruppe der 18- bis 30-Jährigen, sind überdurchschnittlich gebildet und in höheren Berufspositionen tätig.

Aston Martin 1964. BMW 1996. Welches Auto er fahre, will Britt Eklund als Mary Goodnight 1974 im Film «The Man With The Golden Gun» von Roger Moore wissen.

Bond: «A Rolls.»

Goodnight (verständnislos): «A Rolls?»

Bond (herablassend erklärend): «A Rolls-Royce.»

Für Richard Pfenning von der Humboldt-Universität Berlin ist dieser kurze Dialog eine Schlüsselszene. «James Bond ist ein Gentleman der Upperclass», sagt Pfenning. «Menschen wie er verstehen sofort, was mit «a Rolls» gemeint ist.»

James Bond soziologisch. Den Träger des Ordens Commander Of The British Empire, in feinste und vor allem sitzende Anzüge von Brioni gekleidet, ordnet Wissenschaftler Pfenning gesellschaftlich klar der Oberschicht zu, zu der auch Autor Ian Fleming gehörte. Fleming hatte James Bond 1952 unter anderem nach Charakterzügen des englischen Philosophen Sir Francis Bacon (gestorben 1626) modelliert. «James Bond erfüllt die antiken Ansprüche an die Kunst von «prodesse et delectare», zu nützen und zu gefallen», erklärt Akademiker Pfenning seine 007-Affinität.

Snob Bond - Beispiele findet Pfenning zuhauf. Deutlich etwa im Film «From Russia With Love» 1963: Hier trinkt Sean Connerys Gegenüber ungeniert Rotwein zu Fisch, wo doch der Knigge eindeutig einen Weissen empfiehlt. «Dieses Verhalten weist anderseits Bond als Angehörigen einer Klasse von gewisser Kultur aus, der so etwas nie tun würde.»

Bei Bertrand Baleydier vom Genfer Universitätsspital hat der Leinwandheld aber pubertäre Züge. «Für James Bond ist die Welt in Schwarzweiss gehalten - Gut und Böse, Nett und Gemein», sagte der Psychiater und Psychotherapeut gegenüber der Westschweizer Zeitschrift «L'Hebdo». «Diese Vorstellung markiert ein frühes Stadium des psychischen Entwicklung», schloss der Arzt, «ein Stadium, das man häufig in der Adoleszenz antrifft.»

Die Wissenschaft hat für Bonds Langlebigkeit längst Erklärungen gefunden. Die religiöse Gemeinschaft Pure Love Alliance (PLA) indessen kann seine robuste Gesundheit gar nicht verstehen. «Als realer Mensch aus Fleisch und Blut wäre James Bond heute HIV-positiv und - genauso wie manche seiner Gefährtinnen - vielleicht schon an Aids gestorben», heisst es in einem Aufsatz des österreichischen PLA-Ablegers. PLA bekämpft uneheliche Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten unter Teenagern und propagiert die sexuelle Abstinenz.

James Bond beschäftigt selbst die Esoteriker. Als «metaphysisches Studium von Zahlen und ihren Harmonien» bezeichnen sie ihre Disziplin, die Numerologie. Ihre Anhänger haben auf dem Web-Seiten von metaphysicalzone.com nach zeilenlangen Additionen der Geburtszahlen des literarischen James Bond (11. 11. 1920) für den Geheimagenten die Schicksalszahl 7 ermittelt. Sie wird als «spirituelles Lehrpensum» gedeutet. Dem Agenten James Bond wird dringend geraten, ein «weniger nervöses Temperament» an den Tag zu legen.

Bonds Persönlichkeitszahl ist übrigens die 8 (bedeutet: «missverständlich, destruktiv, hasserfüllt»); seine Motivationszahl ist die 3 («verschwenderisch, geschwätzig, künstlich»), seine Instinktiver-Wunsch-Zahl ist die 1 («Bedürfnis und Wunsch, der Erste zu sein»).

Ebenfalls mit Bonds Geburtsdatum hat sich die amerikanische Astrologin Kim Rogers-Gallagher auseinander gesetzt. Sie erstellte die Horoskope von Pierce Brosnan und Sean Connery, verglich deren Sonne-, Mond- und Planetenstände und fand in der Stellung der Venus die Erklärung für den «sexuellen Magnetismus», der von beiden James-Bond-Darstellern ausgeht. Für den Umstand, dass stets beiden «Sex urplötzlich und unvorhersehbar widerfährt», führt Buchautorin Rogers-Gallagher im Internetportal stariq.com auf Uranus zurück, der bei Brosnan wie bei Connery in Verbindung zur Venus steht.

Wenigstens Statistiker könnens bestätigen: In seinen bisher 19 Filmen hatte James Bond 75 Mal - insgesamt 24 Mal am, über oder unter Wasser - Sex mit Frauen, die total 16 Mal «O James!» stöhnten.

Forschungsobjekt martini Weil er bei Bond geschüttelt, nicht gerührt ist, soll er gesund sein. Das Schütteln setzt Antioxidantien frei und macht den Martini quasi zur Verjüngungskur, wie ein Biochemiker herausfand.

Forschungsobjekt Goldtod Sekretärin Gil Masterson wurde von Goldfinger mit einer Schicht des Edelmetalls überzogen und erstickte, weil die Haut nicht mehr atmen konnte. Völlig unrealistisch, konstatierten Wissenschaftler.

Forschungsobjekt Astrologie Uranus steht bei Connery und Brosnan in Verbindung zur Venus. Astrologin Kim Rogers-Gallagher sieht darin die Erklärung für den «sexuellen Magnetismus» der beiden Bonds.

Forschungsobjekt Herkunft 007 trinkt in «From Russia with Love» korrekterweise Weisswein zum Fisch - ein Erbe der Upperclass.

Der neuste

Connery, Lazenby, Moore, Dalton, Brosnan - James Bond wird heuer 40 Jahre alt. 1962 hatte er in «Dr. No» seinen ersten Auftritt. Am 28. November läuft in den Deutschschweizer Kinos «Die Another Day» an, das 20. Bond-Abenteuer. Nach einer spektakulären Verfolgungsjagd quer durch eine entmilitarisierte Zone in Südkorea findet sich James Bond in einem Gefängnis wieder. Der Leinwandheld erreicht damit die dritte Generation Kinozuschauer. Für Rummel ist gesorgt. Allein die Nachricht, Halle Berry werde im neusten Film wie einst Ursula Andress im Bikini mit einem gefährlichen Dolch am Gürtel aus dem Meer steigen, sorgte vor Monaten schon für helle Aufregung.

Rollenspiel

«Nicht mehr so machomässig»

Die Bond-Frauen sind qualifizierter und selbstbewusster geworden, sagt die Theologin Silvia Strahm Bernet.

Facts: Sie haben die Rolle der Frauen in den James-Bond-Filmen untersucht. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Silvia Strahm Bernet: Es gibt zwei Typen von Frauen: Bonds «Assistentinnen» bei der Rettung der Welt und vielfältige «böse Frauen». In früheren Filmen hatten die Helferinnen vor allem dekorative Aufgaben. Erst in den späteren Abenteuern bekamen sie Rollen, die für die Handlung des Films entscheidend waren.

Facts: Woran haben Sie das erkannt?

Strahm Bernet: Bei den Bond-Darstellern Sean Connery und Roger Moore spielte der Beruf der Frauen kaum eine Rolle.

Facts: Shirley Eaton spielte in «Goldfinger» immerhin eine Sekretärin ...

Strahm Bernet: ... Ja, aber erst seit «Goldeneye», seit Pierce Brosnan, haben die Frauen interessante, hoch qualifizierte Jobs. Sie sind Helikopterpilotin, Atomphysikerin oder Programmiererin.

Facts: Was schliessen Sie daraus?

Strahm Bernet:

Während die Frauen früher vor allem gut aussehen und James Bonds Attraktivität und sexuelle Verführungskraft beweisen mussten, so nehmen sie heute Rollen ein, in denen sie zum Erfolg seiner Mission wesentlich beitragen.

Facts: Spiegelt das die reale Gesellschaft?

Strahm Bernet: Bond-Filme sind Fiktion, aber spannende. Den Machern ging es wohl vor allem darum, auch Frauen als Zuschauerinnen ins Kino zu locken. Das ginge heute mit einer Ursula Andress nicht mehr. Die Frauen der heutigen Bond-Filme sind interessanter, aktiver, selbstständiger. In «Goldeneye» etwa spielt Famke Janssen die sexuell aggressive Xenia Onatopp. In «Tomorrow Never Dies» arbeitet MichelleYeoh als Wai-Lin lieber ohne Bonds Hilfe.

Facts: Und in «The World Is Not Enough» wird Sophie Marceau als Elektra King erschossen. Im Dienste Ihrer Majestät tötet 007 jetzt auch Frauen.

Strahm Bernet: James Bond spielt hier mit dem Klischee von der erwarteten Schonung der Frau. Diese aber existiert auch in der Realität schon lange nicht mehr. Wieso auch sollte Bond einen Unterschied machen?

Facts: In «Tomorrow Never Dies» will Michelle Yeoh unbedingt allein arbeiten. James Bond aber drängt auf Teamwork.

Strahm Bernet: James Bond muss die Hauptfigur des Films bleiben. Das würde schwierig, wenn eine gleichwertige Frau neben ihm stünde. Darum haben die Frauen im Film keine Chance, in die erste Reihe zu treten. Aber es wird im Film immerhin zum Thema.

Facts: Hat sich auch James Bond verändert?

Strahm Bernet: Er kommt nicht mehr so machomässig daher und ironisiert sich schon mal selbst. Auch die beiden Frauen Miss Moneypenny und M machen sich heute lustig über den ungezogenen Jungen und seine Frauengeschichten.

Forscht: Silvia Strahm Bernet ist freischaffende Theologin in Luzern.

Spielt die Böse: Sophie Marceau, 1999.

Hilft bei der Mission: Michelle Yeoh, 1997.

Sah vor allem gut aus: Ursula Andress, 1962.
Foto: CinetextFoto: CinetextFotos: Keystone, Stefano SchröterFoto: Cinetext

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