Artikel aus "SYSDATA" 12 / 98

Dr. Rolf Schoch

Telearbeit 98: Durchbruch geschafft?

Eine aktuelle neue Forschung zeigt den heutigen Stand und die Entwicklungstrends der letzten Jahre bei der Ausbreitung und Übernahme der Telearbeit in der Schweiz. Mit Hilfe von Repräsentativbefragungen in der aktiven Bevölkerung wurden dieses Jahr bereits zum viertenmal seit 1987 Bekanntheitsgrad, Image, wahrgenommene Vor- und Nachteile sowie allgemeine Akzeptanz der Telearbeit erhoben.

Dank Computerterminals und Telekommunikationsnetzen könnten viele administrative Arbeitsplätze zu den Mitarbeitern nach Hause oder in ein dezentrales, lokales Telearbeitszentrum verlegt werden. Unter «Telearbeit», einer neuen Arbeitsform, versteht man heute allgemein eine berufliche Erwerbstätigkeit an einem Arbeitsplatz, der mit Computer und Bildschirm ausgerüstet und dezentral daheim oder in der Nähe des Wohnortes, in einem Nachbarschaftszentrum oder Satellitenbüro, eingerichtet ist. Dabei wird die Verbindung zu einem entfernten Standort des Arbeit- oder Auftraggebers mit Hilfe moderner Telekommunikationsdienste gewährleistet. Entscheidend sind heute nicht mehr die physische Präsenz der Mitarbeiter am Arbeitsplatz, sondern deren messbare Leistungen aufgrund von klar definierten Leistungszielen. Dies setzt allerdings eine neuartige Unternehmungskultur und -organisation mit einem veränderten Führungsstil und anderen Kontrollmechanismen der Vorgesetzen voraus - eine Bedingung, mit der manche Schweizer Firmen heute noch Mähe bekunden.

 

Grosse Vorteile

Trotz unbestreitbar grosser Vorteile der Telearbeit für den einzelnen Arbeitnehmer, für die Unternehmungen, für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt - weniger Emissionen dank reduziertem Pendlerverkehr - und trotz technischer Machbarkeit haben sich frühere optimistische Prognosen der Zukunftsforscher über ihre rasche Ausbreitung in der Schweiz bisher nicht bestätigt. In den USA und anderen europäischen Ländern wie Grossbritannien, Finnland, Norwegen und Schweden ist bekanntlich Telearbeit heute schon relativ zur Einwohnerzahl wesentlich weiter verbreitet als bei uns. Es gab bis jetzt in unserem Lande nicht viel mehr als schätzungsweise einige zehntausend Telearbeitsplätze, und der Anteil von «Telearbeitem» an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen war gering.

Neue Aktualität der Telearbeit

Das Thema Telearbeit gewinnt aber heute neue Aktualität im Zeichen der Verbreitung von Inter- und Intranet sowie virtuellen Organisationen. Haben dieses Jahr Interesse, Bereitschaft und Möglichkeit zur Ausführung von Telearbeit im Vergleich zur letzten Umfrage vor sechs Jahren zugenommen? Solche Trends zu untersuchen war Aufgabe der neuesten Repräsentativumfrage in der Bevölkerung - die vierte seit 1987 im Rahmen eines langfristigen Forschungsprogramms - die kürzlich vom Wirtschafts- und Sozialforschungsinstitut Wl.SO Dr. Schoch + Partner durchgeführt wurde. Mit Hilfe von computergestützen Telefoninterviews (CATI) wurden im August 1998 rund 500 Männer und Frauen im Alter zwischen 15 und 50 Jahren in der Grossagglomeration Zürich (sog «Millionen Zürich») befragt.

 

Die Untersuchungsergebnisse

Diese liegen jetzt vor und zeigen, kurz zusammengefasst Folgendes:

1. Mikroelektronik und Computer sind weit verbreitete und allgemein akzeptierte Elemente unserer Arbeitswelt und des Privatlebens geworden. Beinahe drei Viertel (73 %) aller Befragten haben in irgendeinem Zusammenhang, beruflich und/oder privat, mit Computer, Bildschirm, Terminals oder computergesteuerten Maschinen zu tun. Telekommunikations- und EDV-Geräte in den Firmen und Haushalten - die technischen Grundlagen der neuen Arbeitsform Telearbeit - breiten sich weiter aus. So besitzen z. B. bereits schon zwei Drittel der Befragten zu Hause einen Personal- oder Laptop-bzw. Notebook-Computer. Von diesen verfügt bald einmal die Hälfte über Modem und Inter- oder Intranet-Zugang und Electronic Mail. Drei Fünftel der Befragten haben ein «Heimbüro», in dem sie arbeiten können. Teilzeitarbeit und Arbeitsflexibilisierung entsprechen einem zunehmenden Bedürfnis weiter Bevölkerungskreise. Es bestehen somit in der Schweiz in Bezug auf Technik, Einstellungen und Verhalten in der Bevölkerung günstige Ausgangsbedingungen und optimale Voraussetzungen für die Einführung und Verbreitung der Telearbeit.

2. Die persönliche Bereitschaft zur Ausführung von Telearbeit hat in den letzten Jahren langsam, aber kontinuierlich zugenommen. Neuerdings kann sich insgesamt etwas über die Hälfte aller Befragten heute schon durchaus vorstellen, selbst Telearbeit in irgendeiner der möglichen Formen auszuführen, sei es allein zu Hause oder zusammen mit anderen in einem Telearbeitszentrum oder Satellitenbüro, sei es aus-schliesslich oder teilzeitlich abwechselnd mit Arbeit im Geschäft. Dazu kommen zusätzliche 6 %, die -erstmals überhaupt in einer dieser Repräsentativbefragungen - als heute bereits schon aktive, praktizierende «Telearbeiter» identifiziert wurden. Für die Zukunft besteht ein erhebliches Wachstunispotenzial: Bis etwa zur Jahrtausendwende könnte aufgrund der Interviewantworten sogar mit latenter Bereitschaft oder tatsächlicher Telearbeit bei zusammengenommen rund zwei Dritteln der Bevölkerung gerechnet werden. Das letzte Drittel kann sich auch bis etwa im Jahr 2000 nicht vorstellen, selbst Telearbeit auszuführen.

3. Die meistgenannten Vorteile der Telearbeit sind nach Aussage der Befragten die Möglichkeit zur Flexibilisierung der Arbeit und der Arbeitszeit sowie mehr oder bessere Gestaltung der Freizeit und Zeitersparnis dank Wegfall des Arbeitsweges. Als Hauptnachteil befürchten sie den Verlust an Informationen sowie an zwischenmenschlichen Kontakten, somit die soziale Isolierung und Vereinsamung des Arbeitnehmers zu Hause.

4. Nur 43 % aller Befragten glauben, dass sie diese neuartige Arbeitsform in Anbetracht ihrer gegenwärtigen Stellung und beruflichen Tätigkeit auch tatsächlich realisieren und ausführen könnten. Dieser Anteil derjenigen, welche die neue Arbeitsform als für sich machbar und realisierbar einstufen, hat seit 1987 (23%) kontinuierlich und signifikant zugenommen. Die Lücke zwischen Vorstellbarem und Machbarem, die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, wird somit allmählich kleiner.

 

Telearbeit: Ja aber...

Steht Telearbeit endlich kurz vor dem vielbeschworenen endgültigen Durchbruch? Die Randbedingungen und Voraussetzungen dafür sind heute in der Schweiz, zumindest von Seiten der Technik und der Einstellungen der Arbeitnehmer her gesehen, durchaus vorhanden. Grundsätzlich ist die Bevölkerung positiv zur Idee der Telearbeit eingestellt. So wäre z. B. eine Mehrheit von drei Fünfteln damit einverstanden, Firmen, die Teleheimarbeitsplätze für Mitarbeiter einrichten, vom Staat aus mit Steuererleichterungen finanziell zu unterstützen.

Die weitere Annahme und Verbreitung dieser innovativen Arbeitsform in Wirtschaft und Gesellschaft hängt somit offensichtlich vor allem vom Angebot an Telearbeitsplätzen auf dem Arbeitsmarkt ab. Auf Seiten der Arbeitgeber, bei Firmen, Verwaltungen und anderen Organisationen ist jedoch die Einstellung zur Telearbeit noch vielfach von Skepsis, Ablehnung oder Indifferenz und Abwarten geprägt. Es werden deshalb in Zukunft vor allem Hinderungsgründe und Hemmschwellen gegen die Einführung der Telearbeit aus der Sicht der Unternehmungen untersucht.