Schweizer Woche 1995, November, Nr. 48

"Telearbeit ist auch eine soziologische Innovation"

Rolf B. Schoch: "Offenbar fällt die Telearbeit zwischen Stuhl und Bank."



Rolf B. Schoch ist Inhaber und Geschäftsführer der WISO Wirtschafts- und Sozialforschung in Zürich. Er befasst sich unter anderem intensiv mit Telearbeit. Seit 1987 führt er regelmässig Untersuchungen zu diesem Thema durch.

Schweizer WOCHE:
Herr Schoch, seit rund zehn Jahren sagt man, die Telearbeit werde bald den Durchbruch schaffen. Ihre neuste Untersuchung zeigt aber, dass ebendies nicht zu erwarten ist. Woran liegt's?

Rolf B. Schoch: Tatsächlich lagen viele Prognosen daneben. Wie jede Innovation unterliegt die Telearbeit gewissen Gesetz- mässigkeiten bezüglich der Ausbreitung. Faktoren sind einerseits die Innovation an sich mit ihren Vor- und Nachteilen und andererseits die Anstrengungen der Firma, die mit einem neuen Produkt auf den Markt drängt - also Werbung, Öffentlichkeitsarbeit, Sponsoring und so weiter.

Aber genau diese treibende Kraft fehlt ja bei der Telearbeit.

Ja. Es fehlt eine Firma oder Stiftung «Telearbeit». Niemand «pusht» die Innovation. Man kann sich aber fragen, warum die Firmen aus den beiden Teilbereichen der Telearbeit - nämlich Computer und Telekommunikation - nicht aktiv werden. Offenbar fällt die Telearbeit zwischen Stuhl und Bank.

Die Bereitschaft der Arbeitnehmer zur Telearbeit steigt. Allerdings wollen immer weniger Menschen alleine zu Hause arbeiten. Alternativen wie alternierende Telearbeit und Satellitenbüros werden offensichtlich zuwenig wahrgenommen.

Auch das ist noch zuwenig bekannt. Noch immer verbinden die meisten Menschen den Begriff «Telearbeit» mit konventioneller Heimarbeit. Vielleicht ist das auch ein Problem der Namensgebung. Eine deutlichere Differenzierung müsste wohl schon da stattfinden. Interessant ist die verstärkte Angst vor der Vereinsamung aber auch vom soziologischen Standpunkt her: Das zeigt doch, dass die Menschen zunehmend auf solche Probleme sensibilisiert sind. Technische Neuerungen werden daraufhin geprüft, ob sie die zwischenmenschlichen Beziehungen stören könnten. Viele befürchten auch, dass ihre Aufstiegsmöglichkeiten geschmälert werden, wenn sie den Vorgesetzten nur noch selten zu Gesicht bekommen.

Die Telearbeit soll sich auf Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft auswirken. Davon sind wir doch noch sehr weit entfernt.

Die Zahl der Telearbeitsplätze beträgt in der Schweiz noch immer nur einige tausend. Damit die Telearbeit messbare Veränderungen bringen kann, müssen natürlich viel grössere Massen umstellen.

Was sind denn die konkreten Vorteile für Firmen bei der Telearbeit?

Sicher die tieferen Arbeitsplatzkosten. Wenn der Arbeitnehmer als Selbständigerwerbender angestellt wird, lassen sich auch Kosten für Sozialleistungen sparen. Weiter wird die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern erleichtert und die Bindung an bisherige Mitarbeiter verstärkt. Das ist ja beispielsweise bei den sogenannten Workcenters für Informatiker bei der Schweizerischen Kreditanstalt geschehen: Da hatte man Mühe, qualifizierte Leute zu finden, die in die Stadt pendeln. So hat man auf der grünen Wiese Satellitenbüros eingerichtet und konnte damit neue Mitarbeiter gewinnen. Allerdings zieht dieses Argument bei der momentanen Wirtschaftslage weniger. Wichtig ist aber auch die erhöhte Produktivität. Man sagt, dass Telearbeiter zufriedener sind und besser arbeiten, weil sie weniger Störungen durch Unterbrechungen haben. Wesentlich ist auch die Möglichkeit, sich die Zeit selber einzuteilen. Durch die sogenannte Zeitsouveränität kann man arbeiten, wann es einem angenehm ist - ob Frühaufsteher oder Morgenmuffel.

Und die Nachteile?

Der grösste Nachteil dürften das Management und die Koordination, also der organisatorische Mehraufwand, sein. Weiter werden Schwierigkeiten mit Teamarbeit, Disziplin, Kontrolle und Motivation befürchtet. Wesentlich ist aber das Vertrauen der Führungskräfte: Entweder sie glauben daran, dass der Mensch grundsätzlich gerne arbeitet, oder sie gehen davon aus, dass nur gearbeitet wird, wenn jemand mit der Peitsche daneben steht. Telearbeit ist aus diesem Grund nicht nur eine technische, sondern ebenso eine soziologische Innovation: Auch das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer muss sich ändern.


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