Dieser Artikel wurde publiziert in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 22. September 1998.

 

Langsam steigende Akzeptanz von Telearbeit

Ergebnisse einer Repräsentativbefragung in der Schweiz

Rolf B. Schoch

 

Telearbeit ist eine wichtige Arbeitsform der virtuellen Organisation. Sie ist in der Bevölkerung heute weitgehend akzeptiert, aber noch keineswegs richtig realisiert. Dies ist der Stand der Ausbreitung und Übernahme der Telearbeit in der Schweiz, wie er sich aus der neuesten Repräsentativbefragung des Verfassers vom August 1998 präsentiert. Das Thema Telearbeit wird in Zukunft, im Zeichen der Verbreitung von Inter- und Intranet sowie der Virtualisierung, neue Aktualität gewinnen. Unter Telearbeit versteht man heute allgemein berufliche Erwerbstätigkeit an einem Arbeitsplatz, der mit Computer ausgerüstet, betriebsorganisatorisch dezentral zu Hause oder in der Nähe des Wohnortes eingerichtet ist und Telekornmunikationsverbindung zu einem räumlich entfernten Standort des Arbeit- oder Auftraggebers ermöglicht.

 

Virtuelle Organisation im Vormarsch

Für die virtuelle Organisation ist die Telematik das Mittel - Telearbeit und Wissensdatenbanken sind ihre betrieblichen Anwendungsformen. Heute wird Telearbeit häufig auch von sogenannten Wissensarbeitern («Knowledge workers»), von Beratern oder

Verkäufern im Aussendienst ausgeführt. Diese arbeiten zu Hause, bei Kunden oder unterwegs auf Geschäftsreise, mit dem gesamten Instrumentarium der modernen Kommunikations- und Informationstechnologie (mobile Telearbeit). Dabei entfällt oft der fest zugeteilte Büroarbeitsplatz mit dem eigenen Schreibpult in der Firma. Statt dessen geht man, z.B. bei grossen Computerfirmen (wie IBM, DEC), zu flexiblen Formen des «Desksharing» über.

Mit Hilfe von Repräsentativbefragungen in der aktiven Bevölkerung sind vom Verfasser seit 1987 wiederholt Voraussetzungen und Einflussfaktoren für die Diffusion der Telearbeit ermittelt worden. Die neueste «Follow up»-Studie vom August 1998 liefert aktuelle Daten und - durch den Vergleich mit früheren Umfragen - Aussagen über Entwicklungstrends.

 

Vier Trends der Umfrage

Die Resultate dieser Umfragen können wir in Form von vier Thesen wie folgt zusammenfassen:

1. Das Wissen und der Informationsstand in der Bevölkerung bezüglich Telearbeit sind bescheiden.

Die Ausdrücke «Telearbeit» und «Telearbeitsplätze» haben einen beschränkten Bekanntheitsgrad: Nur eine Minderheit aller Befragten (1987: 38%; 1998: 37%) hat schon einmal davon gehört, fast zwei Drittel noch nie. Damit zeigt sich, dass der sich Stand des Wissens und der Bekanntheitsgrad der Telearbeit in der Öffentlichkeit seit dem Start des Forschungsprogramms vor zwölf Jahren nicht verändert haben, sondern stagnierten. Im weiteren sind die Vorstellungen in der Bevölkerung darüber, was man unter «Telearbeit» versteht, nach wie vor teilweise simplifiziert, einseitig oder ungenau. 1998 fällt im Vergleich zu früheren Umfragen auf, dass jetzt neu der Begriff der Satellitenbüros und Nachbarschaftszentren in den Antworten auftaucht (siehe Graphik).

2. Die persönliche Bereitschaft zur Ausführung von Telearbeit ist in den letzten Jahren langsam, aber stetig angestiegen.

Gegenwärtig kann sich erstmals mehr als die Hälfte, nämlich insgesamt rund 52% aller Befragten, im Prinzip vorstellen, Telearbeit in irgend-einer der möglichen Formen - sei es allein zu Hause oder kollektiv, zusammen mit anderen, sei es als Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung, alternierend - selbst auszuführen. Dazu kommen noch zusätzliche 6%, die Telearbeit heute schon verwirklicht haben. Dies bedeutet eine markante Zunahme seit der letzten Umfrage von 1992 (0%). In Anbetracht des auf die Grossagglomeration Zürich beschränkten Untersuchungsgebietes dürfte diese jedoch kaum auf die ganze Schweiz verallgemeinert werden können. Es besteht ein erhebliches Zukunftspotential für Telearbeit Bis etwa zum Jahr 2000 werden voraussichtlich rund zwei Drittel gegenüber Telearbeit in diesem Sinne grundsätzlich positiv eingestellt sein oder sie tatsächlich ausführen. Ein Drittel dagegen kann sich dies auch weiterhin nicht vorstellen - eine «Zweidrittelsgesellschaft» also auch in diesem Zusammenhang -, wobei die Gründe dafür vorwiegend in der Art der gegenwärtigen eigenen Berufstätigkeit liegen (z. B. persönliche Dienstleistung). Deutlich gesunken ist die Bereitschaft zur ausschliesslich individuellen, gestiegen jene für kollektive oder für beide Arten der Telearbeit.

3. Mehr Flexibilität ist der wahrgenommene Hauptvorteil, soziale Isolation der meistgenannte Hauptnachteil der Telearbeit.

Die Hauptvorteile der Telearbeit sind nach Aussage der Befragten, dass sie ihre Arbeit in Bezug auf Zeit und Ort flexibler gestalten und ausführen können. Dazu kommt, dass der Weg zur Arbeit - und damit der Zeitaufwand für das Pendeln - bei Telearbeit wegfällt oder zumindest stark verkürzt wird. Wichtig ist auch die grössere Zeitsouveränität, die freiere Einteilung der Arbeits- und Freizeit. Weitere Argumente zugunsten der Telearbeit sind ferner die private und ruhigere Arbeitsatmosphäre, weniger Störungen und höhere Effizienz und Produktivität zu Hause.

Als Hauptnachteil erscheinen - abgesehen von generellen Vorbehalten gegenüber der modernen Informationstechnologie im allgemeinen - schon seit zwölf Jahren regelmässig immer wieder der .Verlust, zwischenmenschlicher Kommunikation und die soziale Isolierung und Vereinsamung des Arbeitnehmers in seinen vier Wänden. Man erwartet davon Abgeschnittensein vom innerbetrieblichen Informationsfluss und Mangel an Kontakten mit Vorgesetzten, Arbeitskollegen oder Kunden. Die individuelle, sozial isolierte TeleHeimarbeit wird deshalb als Sackgasse bezeichnet, und ihr werden kaum Zukunftschancen zugestanden. Realistischer und erfolgversprechender erscheinen dagegen kollektive Arbeitsformen wie Satelliten- und Nachbarschaftsbüros oder alternierende Telearbeit.

4. Die tatsächliche Machbarkeit ist noch beschränkt.

Die Möglichkeit zur Realisierung in der individuellen eigenen Situation bleibt hinter der Bereitschaft dazu zurück. Aber diese Lücke «Feasibility gap» schliesst sich langsam. Vorläufig noch eine Minderheit glaubt an eine mögliche Realisierung der Telearbeit in der eigenen Situation, das heisst daran, dass diese neuartige Arbeitsform in Anbetracht ihrer gegenwärtigen Stellung und beruflichen. Tätigkeit tatsächlich möglich und machbar wäre. Die Mehrheit hält Telearbeit hingegen in der eigenen Situation aus verschiedenen Gründen für nicht realisierbar. Die heutigen Beurteilungen und Bewertungen zeigen allerdings ein im Vergleich zur ersten Befragung von 1987 etwas günstigeres Bild zugunsten der Machbarkeit von Telearbeit: Der Anteil derjenigen, welche die neue Arbeitsform als für sich realisierbar einstufen, hat kontinuierlich und signifikant zugenommen (von 23% im Jahr 1987 auf 43% Im laufenden Jahr). Die Lücke zwischen Vorstellbarem und Machbarem wird somit kleiner; die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit oder zwischen Wollen und Können schliesst sich langsam, aber sicher.

Wichtige Voraussetzung für die weitergehende Implementierung und Einführung der Telearbeit in der Schweiz ist heute unter anderem auch ein erhöhtes Angebot an eigentlichen «Telearbeitsstellen» von seiten der Unternehmungen.

 

Anmerkung

Befragt wurden Erwerbstätige und Nicht- Erwerbstätige in der ständigen Wohnbevölkerung in der Stadt Zürich sowie den Agglomerationsgemeinden im Alter zwischen 15 und 50 Jahren.

 

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