Computerworld 25.01.2002, Nr. 4/2002

Telearbeit

Das Phantom bekommt ein Gesicht

Sie galt vor 20 Jahren als Mittel gegen die luftverpestenden Pendlerströme. Dann sollte sie Randzonen und die Geschlechtergleichstellung fördern. Laut einer Studie beginnt sich die Telearbeit jetzt auch langsam auszubreiten unter gut ausgebildeten, städtischen Männern.

Erscheinungsdatum: 25.01.2002
Rubrik: Hintergrund
Autor: Daniel Meierhans
Die elektronische Zusammenarbeit ist eine selbstverständliche Folge der Informationsgesellschaft. Nur, trotz viel Gerede blieb Telearbeit lange Zeit ein Phantom. 1999 wurden im Rahmen einer Studie unter Federführung des Zentrums für Technologiefolgenabschätzung in der Schweiz gerade einmal 25000 Telearbeiter im engeren Sinn des Wortes gefunden. Eine jetzt veröffentlichte, ebenfalls im Jahr 1999 in Zusammenarbeit mit der EU (Europäische Union) durchgeführte Untersuchung über die Verbreitung von Telearbeit in unserem Land klassiert demgegenüber immerhin rund 10 Prozent aller Beschäftigten als Telearbeiter, was rund 390000 Personen entspräche.

Die technisierte Heimarbeit scheint sich demnach doch langsam aber sicher auszubreiten. Vor allem Informatikfirmen setzen heute, nicht ganz uneigennützig, auf Telearbeit. Erhoffen sie sich doch durch eine breitere Praxis dieser Arbeitsform unter anderem neue Märkte für ihre Produkte. Die Untersuchung zeigt aber auch, dass sich Telearbeit mittelfristig kaum zum Massenphänomen entwickeln wird. Von den 48 Prozent der befragten Schweizer Unternehmen, die bisher noch keine Telearbeit praktizieren, gibt nur rund ein Fünftel an, überhaupt Interesse an dieser Arbeitsform zu haben. Und von den ursprünglich angeführten Vorteilen des dezentralen Arbeitens, wie der Verminderung der Luftverschmutzung durch eine Eindämmung der Pendlerströme, der Förderung von Frauen, indem sie Familie und Beruf besser unter einen Hut bringen können, sowie der Förderung wirtschaftlich schwacher Gebiete ist in der Realität nicht viel zu sehen. Der typische Telearbeiter ist jung, männlich, hat keine Kinder und wohnt in einer städtischen Umgebung


Anpassung an EU

Mit der Studie «Die Diffusion von Telearbeit. Wo steht die Schweiz heute im internationalen Vergleich» hat sich unser Land an ein schon seit den 1980er Jahren in Europa laufendes Projekt angehängt. Für die von der Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz in Olten und dem auf Wirtschafts- und Sozialforschung spezialisierten Beratungsunternehmen WISO durchgeführte Erhebungen wurden insgesamt 400 Telefoninterviews mit Privatpersonen und 200 mit Unternehmen geführt.

Methodisch haben sich die heimischen Forscher bis auf einige sprachliche Anpassungen möglichst eng an die Vorgaben des europäischen Ecatt-Projekts (Electronic Commerce and Telework Trends) gehalten. So wird ein standardisierter Vergleich mit den europäischen Nachbarn möglich. Dies ist insofern interessant, als die Verbreitung von Telearbeit auch ein Gradmesser für die Technisierung eines Landes ist. Insofern fällt der Vergleich für die Schweiz recht positiv aus. Nur die drei nordischen Staaten Finnland (17 Prozent), Schweden und die Niederlande (je 15 Prozent) weisen einen höheren Anteil an Telearbeitern auf als die Schweiz, die mit ihren 10 Prozent aber doch klar über dem europäischen Durchschnitt von 6 Prozent liegt.


Eine Frage der Definition

Der eklatante Unterschied zwischen der Erhebung des Zentrums für Technologiefolgenabschätzung (TA) und der im gleichen durchgeführten Ecatt-Studie erklärt sich zu grossen Teilen aus den unterschiedlichen Definitionen von Telearbeit. Auch die TA-Erhebung kommt auf immerhin 130 000 Telearbeiter (was 4 Prozent der Beschäftigten entspräche) in unserem Land, wenn Tätigkeiten dazugezählt werden, die schon immer auch ohne IT-Infrastruktur dezentral ausgeführt wurden. Die europäische Untersuchung fasst den Begriff aber noch weiter. Zu den regulären Teleworkern, die mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten, addiert sie auch supplementäre, die mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel zu Hause regelmässig Überstunden schieben und mobile Telearbeiter, die mindestens zehn Stunden pro Woche von unterwegs auf die IT-Infrastruktur des Unternehmens zugreifen. Dazu kommen noch Selbständigerwerbende, die mit ihren Auftraggebern zu einem Grossteil vom Heimbüro aus per IT in Verbindung stehen.

Allerdings macht nicht nur die unterschiedliche Definition des Begriffs einen Unterschied. Auch die Datenerhebung wurde unterschiedlich durchgeführt. Während die TA-Studie nur Betriebe mit unselbständig Erwerbenden erfasste, wurde im Rahmen der Ecatt-Erhebung auch die Arbeitnehmerseite befragt. Zudem dürfte der Anteil der Telearbeit in den letzten Jahren stark am wachsen sein, was zu grossen Streuungen führen kann. Für die Schweiz selber gibt es zur Entwicklung zwar keine verlässlichen Zahlen. Zu unterschiedlich sind Ansätze und Methoden der bisher durchgeführten Studien, und ans Ecatt-Programm hat sich unser Land zum ersten Mal angehängt. Die Wachstumsraten anderer europäischer Länder dürften in der Grössenordnung aber auch für die Schweiz zutreffen. Diese betrugen zwischen 1994 und 1999 im Schnitt 17 Prozent pro Jahr, wobei unser nördlicher Nachbar Deutschland mit 34 Prozent die stärkste Steigerung aufwies.


Unternehmen bremsen

Interessanter als eine Diskussion über die Ist-Zahlen dürften aber die Anhaltspunkte sein, welche die Ecatt-Studie zur künftigen Entwicklung liefert. Die Autoren schätzen das maximale theoretische Potenzial von Telearbeit nämlich auf 66 Prozent aller Arbeitsplätze in unserem Land. Diese Zahl ergibt sich aus der einfachen Addition aller Erwerbstätigen, die gemäss Befragung pro Woche mehr als sechs Stunden für Büro- und Schreibtischarbeiten aufwenden. Und auch auf Seiten der Arbeitnehmer ist das Bedürfnis nach flexibleren Arbeitsformen, mit der Möglichkeit teilweise auch zu Hause produktiv zu sein, ausgewiesen. 52 Prozent zeigen Interesse an einer der Spielformen von Telearbeit. Gleichzeitig glauben aber nur 27 Prozent, dies liesse sich an ihrer derzeitigen Arbeitsstelle verwirklichen. Rolf Schoch, von der an der Untersuchung beteiligten WISO, sieht denn auch nicht die Arbeitnehmer sondern vielmehr die Arbeitgeber als eigentlichen Hemmschuh der Entwicklung. Die 48 Prozent der Unternehmen, die bisher noch keine Möglichkeit zur Telearbeit anbieten, scheinen in erster Linie nach Gründen für deren Ablehnung zu suchen.


Die Soziologische Komponente

Für Schoch ist klar, dass Telearbeit eben auch eine Umstellung der Arbeitsabläufe und damit der Unternehmensstruktur bedingen würde. Viele Chefs scheinen demnach ein Problem zu haben, wenn sie ihre Mitarbeiter nicht täglich überwachen können. Dies könnte sich, so Schoch, ändern, wenn eine jüngere Generation von Managern in die entscheidenden Positionen kommt.

Ein Blick auf die soziologische Struktur der heutigen Teleworker zeigt zudem, dass Firmen in Zukunft kaum mehr darum herum kommen, das Arbeiten von zu Hause anzubieten. Heutige Telearbeiter entsprechen im wesentlichen sogenannten «early Adaptors», also jenen jungen und motivierten Arbeitnehmern, die überdurchschnittlich produktiv sind. Das jetzige Aufkommen der Telearbeit dürfte nämlich nicht nur technisch bedingt sein. Die individualistischer werdende Gesellschaft fordert zunehmend auch entsprechende Arbeitsformen. Schoch spricht in diesem Zusammenhang von einem Druck von unten.

Zudem wittert auch die Industrie Morgenluft. Laut Werner Schaer, dem Vorsitzenden der kürzlich gegründeten US-Industrievereinigung Software Productivity Group, die die Förderung der Telearbeit zum Ziel hat, werden nicht Multimediaanwendungen die Killerapplikation künftiger Ultra-High-Bandwith-Netzwerke sein, sondern Videoconferencing und andere Formen der elektronischen Kommunikation von Angestellten mit ihren Unternehmen: kurz Teleworking.


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