St. Galler Tagblatt vom 23.1.2002, Wissen

Kein Familienfoto mehr an der Wand

Nur zehn Prozent der Erwerbstätigen nützen die Vorteile der Telearbeit - Interview mit Rolf Schoch

Herr Schoch, was ist der grösste Vorteil der Telearbeit?

Rolf Schoch: Teleworking bietet Vorteile für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die Volkswirtschaft und die Gesellschaft. Telearbeit in grösserem Stil kann zu weniger Pendlerfahrten und damit zur Reduktion von Schadstoff-Emissionen führen. Die Idee stammt aus den 70er-Jahren von Jack Nilles von der University of California - Ursprung waren die typischen Probleme dieser Region wie Verkehrskollaps und Umweltverschmutzung.

Wie profitiert denn der Arbeitgeber?

Schoch: Teleworking bedingt einen geringeren Bedarf an Büroflächen und Bürotischen. Man beschäftigt weniger Leute im zentralen Bürogebäude. In Verbindung mit dem Desksharing, gibt es somit weniger Pulte als Arbeitnehmer. Die Utensilien hat man im Rollcontainer, ein persönliches Büro gibt es nicht mehr.

Der Mangel an Privatsphäre wird wohl nicht von allen geschätzt?

Schoch: Das ist tatsächlich ein psychologisches Problem.Bei der Firma Compaq, die in der Studie erwähnt ist, gab es Widerstand gegen diese Arbeitsform. Man hat den Arbeitnehmern ihr zweites Zuhause weggenommen. Die Identifikation mit dem Arbeitgeber kann wegen des Desksharings leiden.

Wo liegen denn die Vorteile für die Angestellten?

Schoch: Der Arbeitnehmer muss nicht mehr täglich ins Geschäft fahren und spart somit Zeit. In der Regel arbeiten Leute, welche Telearbeit machen, nicht in Vollzeit. Nur in ganz wenigen Fällen arbeiten die Leute zu 100 Prozent zu Hause. Dem Arbeitnehmer gibt diese Arbeitsform einen bestimmten Freiheitsgrad zurück. Er kann dann arbeiten, wenn es ihm passt. Es besteht auch kein Kleiderzwang. Für Frauen mit kleinen Kindern ist Telearbeit beispielsweise ideal. Der Nachteil ist die Isolation, die fehlenden Kontakte zu Mitarbeitern. Deshalb arbeiten viele auch nur tageweise als Telearbeiter.

Wie effizient ist Telearbeit?

Schoch: Die Studie sagt, dass die Leute zu Hause effizienter und produktiver arbeiten, weil sie weniger gestört werden. Deshalb benutzen gerade Kaderleute diese Möglichkeit oft. Die grössere Zufriedenheit kommt wieder dem Arbeitgeber zugute. Dieser kann seine Angestellten allerdings nicht mehr kontrollieren wie bis anhin. Es braucht somit einen Wandel in der Organisationsstruktur einer Firma. Gerade Manager der älteren Generation trauen den Arbeitnehmern oft nicht. Wer Telearbeit einführt, muss aber von einer Kontroll- zu einer Vertrauensphilosophie übergehen.

Wer kann Telearbeit verrichten?

Schoch: Die Umfrage zeigt, dass zwei Drittel der Erwerbstätigen Telework-taugliche Tätigkeiten verrichten. Das wären 2,2 bis 2,8 Millionen Personen vor allem an Büro- und Computerarbeitsstellen. Im Moment machen aber nur rund zehn Prozent der Erwerbspersonen Telearbeit. Das wird wohl auch nur langsam zunehmen. Das Potenzial wird nie ausgeschöpft werden, man rechnet im Maximum mit einem Drittel der Erwerbstätigen. Die Studie zeigt zudem, dass mehrheitlich Männer Telearbeit verrichten. Es geht also nicht um schlecht bezahlte Heimarbeit, sondern um Arbeit gut qualifizierter Kaderleute im mittleren Alterssegment, die vor allem für grössere Firmen arbeiten.

Interview: Bruno Knellwolf Studie: «Die Diffusion von Telearbeit» der WI-SO Dr.Schoch und Partner, Wirtschafts- und Sozialforschung in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Solothurn.

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