© HandelsZeitung; 1999-09-29; Seite 39; Nummer 39

MÄRKTE

Ohne Computer kaum Chancen

Heimarbeit: Telearbeit hat Zukunft, allerdings haben dies viele Arbeitnehmer noch nicht realisiert.

HEIMARBEIT/Telearbeit hat Zukunft, allerdings haben dies viele Arbeitgeber noch nicht realisiert. Die industrielle und gewerbliche Heimarbeit hingegen darbt. Eine Besserung ist nicht in Sicht.
Markus Städeli

Die Heimarbeit, beziehungsweise ihre jüngere Schwester Telearbeit, kommt gut weg in der Öffentlichkeit: Sie gereicht zum Segen von Randgebieten, Umwelt, Produktivität und soll gar der vaterlosen Gesellschaft Einhalt gebieten. Doch spiegelt sich das gute Renommee der Heimarbeit auch in der Realität, in Zahlen wider?

Der Frauenanteil liegt bei 90 Prozent

Um es vorweg zu nehmen: Zahlen rund um die Heimarbeit sind rar und beruhen, was ihre gesamtschweizerische Verbreitung betrifft, lediglich auf Schätzungen. Es ist indes absehbar, dass der insgeheim vermutete Trend zu mehr Heimarbeit (noch) nicht stattfindet. In der industriellen/ gewerblichen Heimarbeit sind etwa 40 000 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen (Frauenanteil schätzungsweise 90%) tätig. Dieser Arbeitsform werden keine grossen Entwicklungsmöglichkeiten eingeräumt.

Die Teleworker, jene also, welche mit Computer und Modem von zu Hause aus operieren, machen zwar lediglich etwa 0,4% der Erwerbstätigen aus. Demgegenüber steht aber ein vom Zürcher Wirtschafts- und Sozialforscher Rolf Schoch geschätztes Telearbeitspotenzial von 44% der Schweizer Erwerbstätigen. Schoch führt im Grossraum Zürich seit 1987 jährliche Erhebungen rund ums Teleworking durch. Die Befragungen, durchgeführt unter jeweils 500 15- bis 50-jährigen Frauen und Männern, sind für die Entwicklung in der Gesamtschweiz nur bedingt aussagekräftig, lassen aber dennoch bestimmte Schlüsse zu.

Teleworking mit besten Zukunftsvoraussetzungen

Die Zeiten fürs Teleworking, da sind sich alle Experten einig, sind eigentlich so gut wie nie zuvor. Bezüglich Computerdichte liegt die Schweiz im internationalen Vergleich ganz vorne. Gemäss Schochs Studie verfügen im Grossraum Zürich 60% der Bevölkerung zwischen 15 und 50 Jahren über einen PC. Die Hälfte dieser PCs wiederum sei mit einem Modem ausgestattet. Mit der Internet-/Intranettechnologie, welche billig ist und allenthalben Einzug gehalten hat, kann jede Dokumentart auf sichere Weise in Sekunden um den Erdball verschoben werden. Sämtliches Wissen, das in einer Unternehmung anfällt, kann mit wenig Aufwand «ins Netz gestellt» werden und so von jedem Beschäftigten, unabhängig von seinem Standort, eingesehen und bearbeitet werden.

Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot

«Die mangelnde Verbreitung der Telearbeit liegt nicht an den Arbeitnehmern», meint Roland Ronchi von der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit (SZH). Diese seien zunehmend positiv eingestellt gegenüber Heimarbeit. Die Nachfrage nach Telearbeitsplätzen übersteige das Angebot bei weitem. Schoch belegt diese Einschätzung mit Zahlen: Gegenwärtig könne sich erstmals mehr als die Hälfte, nämlich insgesamt rund 52% aller Befragten, vorstellen, Telearbeit in der einen oder anderen Form selbst auszuführen. Ob Telearbeit angesichts ihrer gegenwärtigen Stellung und beruflichen Tätigkeit auch realisierbar sei, beantworteten im laufenden Jahr 43% der Befragten positiv. 1987 waren es erst 23%. Dies könnte an der Zunahme von «Wissensarbeitern» (Medienschaffende, Programmierer usw.), von Beratern und von Verkäufern im Aussendienst liegen, für welche sich Teleworking besonders anbietet.

Alte Schule der Manager bremst Entwicklung

Offenbar sind es die Arbeitgeber, welche mit dieser längst nicht mehr avantgardistischen Arbeitsform Mühe bekunden. Sie fürchten den Macht- und Kontrollverlust und sind im traditionellen Denkmuster der Stempelkarten und der uneingeschränkten Verfügbarkeit über die Arbeitnehmer verhaftet. Für Ronchi ist klar: «Die Telearbeit wird in dem Mass grössere Verbreitung finden, wie die alte Schule von Managern ausstirbt.»

Dabei gäbe es durchaus gute Argumente für Telearbeit - auch für die Arbeitgeberseite: Bei der SZH geht man davon aus, dass telearbeitende Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen motivierter und flexibler sind sowie produktiver arbeiten. Eine unlängst von der Sulzer Infra durchgeführte Studie für England quantifiziert den Produktivitätszuwachs bei Einführung von Telearbeit auf beachtliche 45%. Die SZH attestiert Telearbeitern ausserdem die Fähigkeit, die Segnungen der Informationstechnologie besser auszuschöpfen und unternehmerischer zu denken.

Nachteil: Angst vor fehlender Kommunikation

Natürlich gibt es auch von der Arbeitnehmerseite Vorbehalte gegenüber Telearbeit. Zwar ging aus der Untersuchung von Schoch hervor, dass die Arbeitnehmer im Teleworking viele Chancen erkennen. So beispielsweise die erhöhte Flexibilität bezüglich Arbeitszeit und -ort, das Wegfallen des Pendelns sowie die privatere und ruhigere Arbeitsatmosphäre zu Hause. Als Hauptnachteil erscheinen aber - abgesehen von Vorbehalten gegenüber der modernen Informationestechnologie im allgemeinen - der Verlust zwischenmenschlicher Kommunikation und die mögliche Vereinsamung des Arbeitnehmers in seinen vier Wänden. Die Befragten befürchten auch, sie könnten vom innerbetrieblichen (oft informellen) Informationsfluss abgeschnitten sein und unter mangelhaften Kontakten zu den Vorgesetzten leiden. Mit kollektiven Arbeitsformen wie Satelliten- und Nachbarschaftsbüros oder alternierender Telearbeit könnte hier aber Abhilfe geschaffen werden.

Wie sich die Telearbeit entwickeln könnte, zeigt das Beispiel England, das in dieser Arbeitsform neben den USA und den skandinavischen Ländern führend ist: Gegenwärtig arbeiten 1,5 Mio Personen teilweise im «Home Office». Sulzer Infra geht davon aus, dass sich diese Zahl bis 2010 auf mehr als die Hälfte der englischen Erwerbstätigen erhöhen wird. In der «urbanen Schweiz» dürfte die Zahl der Telearbeiter wesentlich schneller zunehmen, wie die Befragungen Schochs vermuten lassen: Im Grossraum Zürich gaben im vergangenen Jahr 6% der Interviewten an, Telearbeiter zu sein. In der Umfrage von 1992 waren es 0%!

Einbruch bei den Armeeaufträgen

Während von vielen Beobachtern ein weiterhin zögerliches Wachstum der Telearbeit vermutet wird, dürfte bei der klassischen Heimarbeit (industriell und gewerblich) die Seitwärtsbewegung bestenfalls anhalten. Es sind keine fetten Jahre mehr zu erwarten.

Dies insbesondere, da von der Armee als ehemals grossem Arbeitgeber je länger, je weniger Impulse ausgehen. Viele Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen sind seit der Armeereform 95 und der Zentralisierung des militärischen Beschaffungswesens ausrangiert worden. Paul Schwendener, Leiter des Industrie-, Gewerbe- und Arbeitsamtes des Kantons Graubünden, gibt an, das Volumen für militärische Aufträge habe vor sechs, sieben Jahren noch bei 150 000 bis 200 000 Fr. gelegen. «Heute ist es auf etwa 50 000 Fr. geschrumpft.»

Beim Arbeitsamt des Kantons Glarus geht man sogar davon aus, dass die Armeeaufträge heute nur noch 20% der früheren Volumen ausmachen. Gemäss Hanspeter Lienhart, Zentralsekretär des Verbandes des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), sind die Zukunftsaussichten der gegenwärtig noch etwa 50 bis 100 Heimarbeiter, welche im Dienst der Armee stehen, «gleich null».

Konjunktureinbruch hatte Konsequenzen

Nach Einschätzung einiger kantonaler Arbeitsämter sind viele Heimarbeitsplätze in den rezessiven 90er Jahren verschwunden, weil die privaten Anbieter Arbeitsplätze wieder in den Betrieb zurückverlegt oder gar ins Ausland verschoben haben. Für die Betriebe gestalte sich die Anlieferung von Materialen und das Abholen der Fertigprodukte bei den einzelnen Heimarbeitern nämlich recht aufwendig. Ausserdem sei bei einigen Unternehmern nach wie vor die Ansicht verbreitet, Heimarbeit könne zu Qualitätseinbussen führen.

Den Schwierigkeiten zum Trotz, die Heimarbeit hat ihre Vorzüge: Schon seit 1981 ist die Rechtslage mit dem Heimarbeitsgesetz (HArG) geregelt. Danach können die Unternehmen je nach Auftragslage die Arbeit erhöhen oder reduzieren, welche sie extern vergeben. Der Lohnansatz eines Heimarbeiters muss von Gesetzes wegen im wesentlichen demjenigen eines Betriebsarbeiters entsprechen, doch wird der Lohn meist pro Stück ausbezahlt. Für Leerkosten muss der Arbeitgeber also nicht aufkommen. Die dadurch gewonnene Flexibilität und die Vermeidung von Fixkosten sind wohl der Hauptgrund, wieso sich die Heimarbeit auch in kommenden Jahren wird halten können. Zwar wird die Heimarbeit von keinem der befragten kantonalen Arbeitsämter als volkswirtschaftlich besonders wichtig bezeichnet. Punktuell aber ist Heimarbeit durchaus bedeutsam. Für die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen nämlich, die in der Regel in abgelegenen - um nicht zu sagen rückständigen - Gebieten ihr Domizil haben, ist es oft die einzige Möglichkeit, einer Beschäftigung nachzugehen und beispielsweise das karge Einkommen - etwa aus der Berglandwirtschaft - leicht aufzubessern.

Heimarbeit im Kanton Uri

Willkommener Puffer für die Wirtschaft

Schon vor über 150 Jahren bestritten im Kanton Uri zahlreiche Familien «bis in die entlegensten Täler» mit Baumwollspinnen und Seidenkämmen ihren Lebensunterhalt. 1946 wurde eine kantonale Stelle für Heimarbeit geschaffen, die unlängst Befragungen unter Heimarbeitnehmern und -auftraggebern durchgeführt. Die Ergebnisse lassen auch Rückschlüsse auf die Situation in anderen traditionellen «Heimarbeitskantonen», allen voran den Gebirgskantonen, zu.

Gemessen an der Lohnsumme ist die Heimarbeit im Kanton Uri zurückgegangen: 1,1 Mio Fr. Heimarbeitslöhne wurden 1997 an rund 150 Arbeitnehmerinnen - der Frauenanteil beträgt etwa 94% - und Arbeitnehmer ausbezahlt, vor rund zehn Jahren waren es noch 1,8 Mio Fr.

Der Bund vergibt zwar etwas mehr als die Hälfte der gesamten Aufträge, 1992 betrug sein Anteil noch über drei Viertel. Das Volumen der Privataufträge nahm von 1992 bis 1994 stark ab und ist seither konstant geblieben. Die Abnahme ist mit dem Verlauf der Konjunktur zu begründen. In Zeiten der Rezession wird Arbeit in den Betrieben zurückgehalten, zur Auslastung der eigenen Betriebskapazitäten. Somit erfüllt die Heimarbeit eine Art Pufferfunktion für die Unternehmen. Die befragten Betriebe - sie stehen der Heimarbeit mehrheitlich positiv gegenüber - gaben als einen der Hauptbeweggründe für die Vergabe von Aufträgen denn auch die Produktionsflexibilität an. Weitere Motive sind die geringeren Produktionskosten pro Einheit sowie Arbeitkräfte- und Platzmangel. Neben Montage- und Verpackungsarbeiten bearbeiten die Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen im Auftrag der Privatunternehmen Matratzenüberzüge, Kissenbezüge, Puppenkleider, Munition und Manschetten für Blutdruckmessgeräte.

Die Heimarbeiterinnen und -arbeiter im Kanton Uri gehören zu über zwei Dritteln der Altersklasse zwischen 40 und 60 Jahren an. Dies ist die Altersspanne, in welcher für die Frauen ein Wiedereinstieg in das Berufsleben aktuell wird. Die Heimarbeit wird aber in der Regel als Nebenbeschäftigung ausgeführt: Rund zwei Drittel aller Arbeiterinnen wenden bei der Annahme einer Fünf-Tage-Woche lediglich etwa zwei Stunden täglich zur Verrichtung der Aufträge auf. (stä)

SZH

Im Dienste der Heimarbeit

Die Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit (SZH) in Bern hat zum Ziel, «unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse von Rand- und Bergregionen» die Heimarbeit und auch die Telearbeit zu fördern. Arbeitnehmer, vor allem aber Unternehmen, welche sich für Heimarbeit interessieren, können sich an die SZH wenden. Den Firmen bietet sie Personalvermittlung, Hilfe bei der Standortauswahl, Beratung und die Vermittlung von Satellitenbüros und Ateliers an. Nicht zuletzt sieht sich die SZH als neutrale Schlichtungs- und Vermittlungstelle und unterstützt auch die regionalen Arbeitsämter und Arbeitsvermittlungsstellen bei der Vermittlung von Heimarbeit. Informationen rund um die Heimarbeit und die Tätigkeit der Zentralstelle sind auf der Homepage der SZH (www.heimarbeit.ch) abrufbar. (stä)

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